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Kundgebung gegen den Sieg der Taliban in Afghanistan: Redebeiträge

Wir waren am 20.08.2021 mit über 150 Menschen auf dem Rathausplatz in Osnabrück, um zusammen mit der Seebrücke Osnabrück, No Lager Osnabrück, dem Exil – Osnabrücker Zentrum für Flüchtlinge e.V. und vielen afghanischen Menschen gegen den Sieg der Taliban in Afghanistan zu demonstrieren.

Unser erster Redebeitrag:

Am 15. August 2021 nahmen die Taliban die Hauptstadt Afghanistans, Kabul, ein und brachten damit auch den letzten Teil des Landes unter ihre Gewalt. Die Ausrufung des zweiten islamischen Emirats in Afghanistan folgt damit 20 Jahre auf die Zerschlagung des ersten. Vor allem Frauen und Mädchen werden unter ihm leiden, aber auch alle anderen Menschen, denen die islamistische Friedhofsruhe der Taliban die bloße Existenz zur Hölle machen wird.

Der nahezu ohne Widerstand staatlicher Kräfte erzielte Sieg der Taliban entlarvt dabei auch das Gerede westlicher Regierungen, ganz gleich ob in Washington oder Berlin, von Menschenrechten und Demokratie als innen- wie außenpolitische Propaganda. Als Propaganda die aufgegeben werden kann, wenn sie sich im Rahmen imperialistischer und kapitalistischer Interessen nicht mehr rechnet. Vollkommen ohne Rücksicht auf die Menschen, die schließlich die Konsequenzen tragen müssen, weil sie sich nicht unter Militärschutz ausfliegen lassen können.

Das bedeutet nicht, dass der Sturz des ersten Taliban-Emirats nicht zu begrüßen gewesen wäre. Nur sollten sich keine Illusionen darüber gemacht werden, dass dies aus Menschenfreundlichkeit geschehen sei. Sind doch mit Saudi-Arabien und Pakistan als Aufbauhelfer der Taliban zwei der größten Förderer islamistischen Terrors die engsten Verbündeten des Westens in der Region. Und hat doch die US-Regierung in ihrem so genannten „Friedensabkommen“ mit den Taliban von 2020 diesen die Menschen in Afghanistan als Freiwild überlassen, solange sie nur westliche Uniformträgerinnen und Uniformträger in Ruhe lassen.

In der politischen BRD herrscht derweil vor allem die Sorge, dass Menschen tatsächlich versuchen könnten, der mitverschuldeten elenden Situation in Richtung Europa zu entkommen. Währenddessen möchte die österreichische Regierung möglichst schnell wieder Geflüchtete in die islamistische Barbarei abschieben.

Dem gegenüber gilt unsere Solidarität all den Menschen in Afghanistan, die von islamistischer Gewalt bedroht und betroffen sind, vor allem Frauen, Mädchen und allen anderen, die durch ihre bloße Existenz Opfer dieser Gewalt werden. Unsere Solidarität gilt all denen, die zur Flucht aus Afghanistan gezwungen sind.

Unsere Solidarität gilt all denen, die sich für ein besseres Leben nicht auf da Jenseits vertrösten lassen können oder wollen.
Und unsere Solidarität gilt all den emanzipatorischen Menschen und Gruppen in Afghanistan, die sich der Gewaltherrschaft der Taliban widersetzen und sie bekämpfen.

Deshalb sagen wir:
Nieder mit den Taliban!
Freiheit für die Menschen in Afghanistan!

Unser zweiter Redebeitrag:

Nun möchten wir über die lebensgefährliche Lage der Frauen in Afghanistan sprechen.

Aus unserer Perspektive als materialistische Feministinnen ergeben sich zwei Hauptgründe für die Unterdrückung der Frauen in Afghanistan und anderen islamistisch geprägten Staaten.

1. Geopolitische Ziele, kriegerische Interventionen und ein korrupter, afghanischer Staat sind zentrale Gründe für das Erstarken der Taliban und anderen islamistischen Organisationen. Ohne die USA, Pakistan und Saudi-Arabien hätte sich die Taliban nicht in heutiger Form herausbilden können. Diese Staaten sorgten für Geld, Waffen und sorgten dafür, dass die afghanischen Kinder in den pakistanischen Flüchtlingslagern sich dem heiligen Krieg verpflichteten, in dem sie in den USA produzierte Lehrbücher lasen. Ohne den Kalten Krieg und die Unterstützung der USA, Pakistan und Saudi-Arabien würde es die Taliban in der heutigen Form nicht geben.

2. Armut und Perspektivlosigkeit sind Ausdruck gescheiterter Versprechen des westlichen Kapitalismus und des arabischen Nationalismus. Hier können islamistische Organisationen das Versprechen eines gesicherten Einkommens geben, denn es sind v.a. Männer der verarmten Unterschicht, die die Masse an islamistischen Kämpfern darstellen. Die Mittelschicht tritt v.a. als religiöse und ideologische Führer auf, während die in- und ausländische Oberschicht also v.a. Land- und Fabrikbesitzer Finanzierungsquellen darstellen. Somit wird das Credo des Familienernährers gestärkt und hierarchische Gesellschaftssysteme geben Orientierung und Sicherheit, der Islamismus ist eine autoritäre, patriarchale, vermeintliche Krisenlösung. Das heißt er ist nicht ohne die sozialen Verhältnisse zu erklären und auch nicht erfolgreich zu bekämpfen.

3. Monotheistische Religionen basieren auf der Männerherrschaft, dem Patriarchat. Männer haben durch die monotheistischen Religionen sich ein Konstrukt erbaut, welches ihre eigene Macht sichert. Ohne Religion kein religiöser Fundamentalismus. Islam verhält sich zum Islamismus, wie Alkohol zum Alkoholismus. Viele Menschen können mit dem Islam gut leben, entwickeln emanzipatorische Ansätze und Gesellschaften- auch wir erkennen den muslimischen Feminismus und Freiheitsbewegungen im Nahen Osten an. Jedoch darf man den Teil der Menschen nicht vergessen, die den Islam bzw. Religion nutzen, um die eigene Macht zu sichern. Wir als westliche Feminist*innen müssen endlich wieder Religion kritisieren. Ohne Religionskritik kann keine Frau auf dieser Welt frei sein! Unsere Mütter und Großmütter haben teils verbittert gegen die Kirche gekämpft. Nun sollten wir unsere Schwestern in ihren Kämpfen unterstützen. Wir dürfen unsere Schwestern keinen Islamisten ausliefern, nur weil wir uns einem falsch verstandenen Antirassismus widmen. Wir werden jede Muslimin vor Rechten und Rassisten schützen. Wir schützen jedoch auch jede Frau vor dem religiösen Zugriff auf sie! Wir müssen endlich verstehen, dass Musliminnen genau so vielseitig sind wie wir. Viele von uns westlichen Feministinnen feiern Weihnachten, jedoch kämpfen wir gegen die Zugriffe von Staat und Religion auf unsere Körper. Und genauso vielschichtig sind muslimische Frauen!

Aktuell werden in Afghanistan Flugblätter verteilt. Auf diesen kündigt die Taliban an, dass alle unverheirateten oder verwitweten Frauen zwischen 15-45, also Frauen im gebärfähigen Alter zwangsverheiratet werden. Behinderte Frauen werden von dieser Regelung ausgenommen. Frauen und ihre Reproduktionsfähigkeit sind grundlegend für den Aufbau

einer islamistischen Gesellschaft, denn sie können den ideologisch vereinnahmten Nachwuchs gebären. Andere Flugblätter sollen darüber aufklären, dass ein Kopftuch nicht mehr erlaubt ist. Frauen in Afghanistan müssen sich nun mittels einer Burka vollverschleiern. In Gebieten, in denen die Taliban herrscht und herrschte, werden Frauen exekutiert, wenn sie ihre Vergewaltiger nicht heiraten bzw. dieser ein verheirateter Mann ist. Sie dürfen sich außerhalb des Hauses nicht bilden.

Frauen werden jedoch auch in den westlichen Ländern zur Verhandlungsmasse. So will NRW nur Frauen aus Afghanistan aufnehmen. Sie gelten als die „besseren Flüchtenden“. Sie gelten somit als Menschen ohne eigenen Willen. Es muss aufhören, dass Frauen als willenlos gelten. Frauen sind eigenständig denkende und agierende Individuen.

Gegen jede Ausprägung des Patriarchats, in Afghanistan, in Deutschland und überall auf der Welt.
Für eine anti-patriarchale Revolution.
Für die Freiheit!