Gedanken über die Notwendigkeit, Möglichkeiten und Anwendung antifaschistischer Bildung
Damals war es Friedrich…
„Die Tür zum öffentlichen Luftschutzraum war schon verschlossen. Vater stellte sein Köfferchen ab und legte den eisernen Hebel herum. Als es ihm nicht ganz gelang, schlug er gegen die Stahltür. Herr Resch öffnete uns. Er trug seinen Stahlhelm und die Armbinde, die ihn als Luftschutzwart kenntlich machte. „Es wird aber Zeit!“, brummte er.
Draußen böllerte es immer stärker. Der Keller dröhnte. Da trommelte es von draußen an die Tür.
„Wer kommt denn so spät?“ fragte Herr Resch und blickte sich im Raum um. Jemand wimmerte vor dem Keller. „Bitte, bitte, lasst mich rein! Biitte, biiitte!“
Herr Resch öffnete die Stahltür. Davor kniete Friedrich, die Hände gefaltet: „Ich habe Angst! Angst! Angst!“ Auf allen vieren kroch er in die Schleuse.
Bei geöffneter Tür hörte man, welche Hölle draußen wütete. Der Luftdruck eines Einschlags schleuderte die Tür zu.
„Raus!“, brüllte Herr Resch. „Verschwinde! – Du bildest dir doch nicht ein, dass wir dich in unseren Schutzraum lassen!“Der Feldwebel erhob sich und ging zur Schleuse. „Sind Sie verrückt geworden? Sie können den Jungen doch nicht bei diesem Angriff aus dem Keller jagen!“ „Wissen Sie was der ist?“, verteidigte sich Herr Resch. „Das ist ein Jude!“
[Nach einem kurzen Wortgefecht mit Herrn Resch wendet sich der Feldwebel an Friedrich:] „Geh Junge! Geh freiwillig!“, sagte der Feldwebel leise. „Sonst gibt es doch nur Ärger!“
Wortlos verließ Friedrich den Schutzraum.Draußen empfingen uns Staub und Hitze. Der Himmel war brandrot. Trümmerhaufen rauchten. Angstvoll schaute Mutter sich nach Friedrich um. Friedrich saß in Schatten des Hauseingangs hingeduckt. Die Augen hielt er geschlossen, sein Gesicht war blass.
Da bemerkte auch Herr Resch die Gestalt. „Scher dich fort!“, zischte er Friedrich an. „Glaubst du, weil nach diesem Angriff alles drunter und drüber geht, wärst du sicher davor abgeholt zu werden?!“
Schrill schrie Mutter: „Sehen Sie denn nicht? Er ist doch ohnmächtig!“Mit einem spöttischen Lächeln schaute Resch meine Mutter an: „Die Ohnmacht werde ich ihm schnell austreiben. – Ich muss mich aber sehr über Ihr Mitgefühl mit Juden wundern! – Sie, als Frau eines Parteigenossen?!“
Herr Resch hob den Fuß und trat Friedrich.
Friedrich rollte aus dem geschützten Hauseingang auf den Plattenweg. Von der rechten Schläfe zog sich eine Blutspur bis zum Kragen.Meine Hand verkrampfte sich in den dornigen Rosensträuchern.
„Sein Glück, dass er so umgekommen ist“, sagte Herr Resch.1
Das sind die letzten Zeilen aus dem Buch „Damals war es Friedrich“, welches ich2 vor vielen Jahren im Deutschunterricht las. Diese Seiten, auf denen der sinnlose, grausame Tod von Friedrich beschrieben wird, haben mich bis heute nicht ganz losgelassen. Immer mal wieder muss ich an das Buch und die Geschichte der beiden Jungen denken, die sich im nationalsozialistischen Deutschland anfreunden, einander helfen und lachen und von welchen nur der namenlose Erzähler überleben wird. Ich weiß nicht mehr wie alt ich war, als ich das Buch las. Ich weiß nur noch, dass ich wütend, verzweifelt und den Tränen mehr als nahe war, weil das Buch so endete. Weil das Leben von Friedrich so enden musste.
Die Geschichte der beiden Jungen beruht nicht auf echten Biografien. Und dennoch berührt einen das Buch. Ich glaube es hat mich geprägt. Obwohl das Buch so endet, bin ich froh es gelesen zu haben. Es war eines der wenigen Bücher, die wir in der Schule lesen sollten, die ich wirklich gelesen habe. Vielleicht, weil es mich wirklich erfasst hat, weil das Thema und die Auseinandersetzung mit Diskriminierung, Ausgrenzung, Gewalt, Antisemitismus, Verfolgung und Mord so wichtig und einnehmend waren (und sind), dass es mich nicht kaltlassen konnte.
Dieser sehr persönliche Zugang zu einem politischen Text, welcher Inhalte vermitteln und gerne auch agitieren möchte, ist vielleicht merkwürdig. Doch er scheint mir zu passen.
In diesem Text soll es darum gehen, was „antifaschistische Bildung“ heißen kann, vielleicht heißen sollte und wie sie gelingen kann. Das Feld, was hierunter verstanden werden kann, ist weit. „Damals war es Friedrich“ kann als Jugendbuch, welches verpflichtend in der Schule gelesen wurde, als niederschwelliger Zugang verstanden werden. Das Buch schafft es zu Emotionalisieren, man baut eine Beziehung zu Friedrich und seinem Freund auf und kann nicht anders als wütend auf Resch und all jene sein, die nicht einschritten und Friedrichs Tod zu verantworten hatten.
Doch soll, kann und darf hier – bei dieser zaghaften Grundlage antifaschistischer Gesinnung – nicht stehen geblieben werden. Dieser Text will als Text von der Bewegung für die Bewegung verstanden werden. Antifaschismus lernt man nicht einfach in der Schule und die Gefahr der extremen Rechten wäre fortan gebannt. Dass dieses Feld jedoch nicht gänzlich außer Acht gelassen werden sollte, wird im Folgenden hoffentlich dennoch deutlich.
Antifa Arbeit – seien es Recherche, Outings, Demonstrationen oder auch Blockade von Fascho-Demos können hier vielleicht augenscheinlich das andere Ende von Antifa bedeuten. Aber auch hier ist die Frage, welche Bildung vonnöten ist – sei es das Erlernen von Skills, das Vermeiden von Fehlern oder dem Wissen darum welche Kämpfe wie geführt werden müssen und an welcher Stelle agieren auch verlorene Müh‘ sein kann.
Wichtig erscheint mir, dass wir als antifaschistische Bewegung, die sich nicht als „bürgerlich-anständig“ versteht, sondern unversöhnlich ist mit den bestehenden materiellen Verhältnissen, die der letzte Grund für das Erwachsen von Faschismen sind, die Schnittstellen erkennen, die von Schule über Lesekreise hin zu Offenen Antifa-Treffen und festen, vielleicht konspirativen Strukturen bestehen und für die antifaschistische Bildung und nachhaltige Politisierung und Radikalisierung bedeutsam sind.
Erkennen wir diese Schnittstellen, müssen wir unsere Arbeit genau dort intensivieren und das Wirken an diesen Stellen gut abstimmen. Nur dann sind wir in der Lage kurz-, mittel und langfristig als Bewegung zu wachsen, standhaft zu bleiben, Fehler zu vermeiden oder zu minimieren und der stärker werdenden extremen Rechten entgegenzutreten und das gute Leben für alle zu erkämpfen.
Dieser Text richtet sich im Besonderen an junge Aktivist:innen und Strukturen, Gruppen und Zusammenhänge, die vielleicht erst vor kurzem entstanden sind und sich im Aufbau befinden. Dieser Text soll dabei helfen Arbeitsfelder in den Blick zu nehmen, die sich möglicherweise noch nicht direkt aufgedrängt haben. In einer Art Dreischritt sollen auf den folgenden Seiten beispielhaft3 die Schnittstellen von Schule, Gedenkstätten sowie von staatlichen/ bürgerlichen Institutionen unabhängigen Strukturen wie Offene Antifa-Treffen und weiteren linksradikalen / Antifa-Strukturen diskutiert werden. Wo können wir uns als radikale Linke einbringen, welchen Nutzen kann dieses Engagement haben? Es geht hierbei auch darum vor dem Hintergrund einer gesellschaftlich derzeit schwachen und schwach verankerten radikalen Linken die Ressourcen und Kräfte, die wir haben, gezielt so einzusetzen, dass trotz dessen unsere Arbeit Wirkung entfalten kann. Der Text soll helfen die Notwendigkeit und Wichtigkeit von Theorie und der Weitergabe von Wissen zu erfassen und dazu anregen sich selbst und seine Zusammenhänge stetig weiterzubilden und nicht einem blinden, oder unreflektierten und sich selbst verschleißenden Aktionismus zu verfallen. Insbesondere der letzte Satz verliert sicherlich nie seine Relevanz auch für Gruppen und Aktivist:innen, die schon über mehrere Jahre dabei sind. „Gegen den Rechtsruck hilft nur zusammentun“ oder „Bildet Banden“ sind nicht ohne Grund bekannte Slogans der Linken – doch bildet nicht nur Banden, sondern bildet euch selbst; bilden wir uns, um besser, schlagkräftiger und nachhaltiger linksradikale Politik zu machen!
Was heißt hier Bildung? – Schule und die Bildung des autoritären Charakters als Wesensmerkmal von Faschist:innen
Das, was wir häufig mit der schulischen Bildung verbinden bzw. das, was immer wieder betont wird, wozu die schulische Bildung da sei, ist das Folgende: grundlegendes Wissens über Naturwissenschaften, Sprachen, die Gesellschaft, Kunst und Musik soll vermittelt, das Kennen und Anwenden unterschiedlicher Methoden und Herangehensweisen erlernt werden, um grundsätzlich auf das weitere Leben vorbereitet zu sein und sich zurechtfinden zu können.
An dieser Stelle offenbart sich bereits eine erste grundlegende Problematik der schulischen Bildung: Schule ist dazu da aus Menschen Arbeitskräfte und loyale Staatsbürger:innen machen. Das heißt weder, dass es hier keinen Spielraum gibt, noch dass es besser wäre ohne Schule. Lesen und Schreiben sind beispielsweise wichtige Grundbedingung zur Emanzipation, aber nicht der Grund, warum es beigebracht wird. Während es plausibel, ja gut erscheint, wenn junge Menschen durch die schulische Bildung das Zurechtkommen im späteren Alltag und dem Berufsleben erlernen, so wird genau dieser Alltag und die Um- und Zustände in der Berufswelt schlicht viel zu selten kritisch beleuchtet.
Dass im Schulkontext verpflichtend Konzerne besucht und Berufspraktika absolviert werden, um in mögliche spätere Arbeitsfelder „hineinzuschnuppern“, lässt in den Schüler:innen vielleicht den Gedanken reifen, in welcher Branche man zukünftig seinen Lohn verdienen möchte; was diese Aspekte der „schulischen Bildung“ aber ebenso bedeuten: neue, zukünftige Arbeitskräfte werden von Firmen früh gelockt, die Lohnarbeit als solche nicht in Frage gestellt. Und dass mein erfolgreiches Bewerbungsgespräch immer auch die Absage für Mitbewerber:innen ist und diese mitunter hart treffen kann, schon mal gar nicht. Um später aber (gute) Chancen auf einen Job zu haben und damit – mitunter trotzdem mehr schlecht als recht – ein Dach über dem Kopf und Essen auf dem Tisch bezahlen zu können, muss ich ordentlich sein, diszipliniert sein, nicht anecken. Adorno grätscht hier gezielt rein, wenn er in „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“ formuliert: „[…] man muss vor dem Drill in jeglicher Gestalt warnen […] Und man muss sie [die Jugend] warnen vor dem Kultus einer sogenannten Ordnung, die ihrerseits vor der Vernunft nicht sich ausweist, vor allem vor dem Begriff der Disziplin, die als Selbstzweck präsentiert wird, ohne dass auch nur noch die Frage „Disziplin für was?“ dabei gestellt würde.“4
Diese knappen Ausführungen scheinen vom eigentlichen Thema wegzuführen, das Gegenteil ist der Fall: Von Beginn an werden diesen Inhalten wie auch den klassischen Fächern, die später für die Wirtschaft von Nutzen sind oder sein sollen ein höherer Stellenwert beigemessen als den Geisteswissenschaften, Kunst oder Musik. Doch was die Schüler:innen in diesen Fächern tatsächlich erlernen können, ist kreatives Arbeiten, eine (un)mittelbare Selbstwirksamkeit – oft im Kollektiv mit anderen – und einen eigenen, persönlichen, individuellen Zugang zu Themen, Inhalten und Überzeugungen. Diese Fächer zu stärken und gegen das Hinausdrängen oder ihre Marginalisierung in den Lehrplänen anzukämpfen, muss die Aufgabe der Lehrkräfte und vor allem der Gewerkschaften sein.5 Ganz grundsätzlich kommt den Lehrkräften eine wichtige Rolle zu, wenn junge Menschen im weitesten Sinne „antifaschistische Bildung“ erfahren sollen. Gelingt inhaltlich wie pädagogisch die Lehrtätigkeit nicht oder nicht ausreichend gut, kann und wird dies weitreichende Folgen mit sich bringen: „Das Halbverstandene und Halberfahrene ist nicht die Vorstufe der Bildung, sondern ihr Todfeind: Bildungselemente, die ins Bewusstsein geraten, ohne in dessen Kontinuität eingeschmolzen zu werden, verwandeln sich in böse Giftstoffe, tendenziell in Aberglauben, selbst wenn sie an sich den Aberglauben kritisieren […].“6 Die Lehrkraft hat in diesem Kontext also Sorge zu tragen, dass inhaltliche Auseinandersetzungen also nicht an der Oberfläche kratzen oder komplexe Sachverhalte plump vereinfacht werden. Denn ansonsten droht die Gefahr eigene Unklarheiten oder Unwissenheit nicht zu erkennen oder diese mit Halbwahrheiten, Mythen oder Lügen „aufzulösen“, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Zusammenhänge verkürzt zu behandeln und die notwendige vertiefende Auseinandersetzung mit Inhalten verfrüht beizulegen.7
Das ist die eine Seite. Die andere Seite nimmt u.a. den oben bereits angesprochenen Drill, die zum Selbstzweck gewordene Ordnung und die Unterordnung unter die Verhältnisse und die Autorität der Lehrkräfte in den Blick: Lehrkräfte haben grundsätzlich Anteil an der charakterlichen Entwicklung der Schüler:innen. Folglich ist dies auch bei Lehrkräften der Fall, die ganz offen oder mehr oder minder versteckt8 autoritär auftreten. Die Schüler:innen lernen – gezwungenermaßen – nicht zu widersprechen, die Haltung ihrer Lehrkraft – vorgeblich oder tatsächlich – anzunehmen und die Autorität der Lehrkraft zu akzeptieren. Anderes Verhalten erschwert das Durchkommen in der Schule und das Durchstehen der Unterrichtsstunden. Zweierlei Dinge werde so jede Stunde aufs Neue erlernt: Die eigene Meinung, Haltung oder Herangehensweise ist nicht so relevant wie die der vorne stehenden Autorität9; der von dieser Autorität vorgegebene Weg ist einzuhalten, egal wie ich dazu stehe. Das kann bedeuten, dass die jungen Menschen ganz praktisch und unmittelbar lernen, Autoritäten und bestehende Ordnungen und Regeln grundsätzlich (und wenig bis unreflektiert) zu achten. Das kann aber auch zu Frust führen, da man selbst als Individuum mit eigenen Gedanken, Wünschen, Sorgen und Nöten nicht gesehen wird. Dieser Frust muss sich kanalisieren, er macht einen von innen kaputt, hart und taub. In aller Kürze habe ich hier versucht die Entstehung und Entwicklung des „autoritären Charakters“ von Horkheimer/ Adorno nachzuzeichnen.10
Einschub: Der hier nachgezeichnete Weg ist klar deterministisch, hier wird eine Zwangsläufigkeit gezeichnet, die es so in dieser Form – glücklicherweise – nicht gibt. Für ein leichteres Verständnis davon, wie ein „autoritärer Charakter“ entstehen kann bzw. geformt wird, ist diese Beschreibung sinnig und die Gefahr sollte nichtsdestotrotz gesehen werden. Aber anstelle des „Sich der Lehrkraft Unterwerfen“ kann ebenso das Aufbegehren und Rebellieren gegen diese die Folge von der Begegnung/ Konfrontation mit (herrischen) Autoritäten sein. Der oben besprochene Weg kann eintreten, auf unterschiedliche Art und Weise kann aber auch (als einzelne:r Schüler:in oder als Gruppe) dagegen vorgegangen werden. Man hält mit den anderen Schüler:innen zusammen, stärkt runtergebutterten Schüler:innen den Rücken, hilft einander bei (vergessenen) Hausaufgaben oder widerspricht und kritisiert auch offen das vorne Gesagte. Diesen mutigen Schüler:innen, die sich autoritären Lehrkräften nicht einfach zu beugen bereit sind, ist in und außerhalb der Schule der Rücken zu stärken.
Zurück zum „autoritären Charakter“ und dem, welche Folgen eine solche Charakterbildung und -Struktur mit sich bringen kann: Veranschaulichend wird oftmals von dem Radfahrersystem gesprochen, also dem Buckeln nach oben und gleichzeitigem Treten nach unten. So sind diese Charaktere von Minderwertigkeitskomplexen geplagt – die auf die Autoritäten, den Zwang, die Gewalt und gewaltvollen Verhältnisse, die sie umgeben, zurückzuführen sind – und suchen nach einer Ventilwirkung, einem Druckentlastungsgefühl, die Befriedung über die Möglichkeit, sich abzureagieren. Sie suchen Härte gegen die noch Schwächeren und treten gewalttätig und brutal gegen diese auf.11
Aber: Es gibt – auch hier glücklicherweise – keinen Automatismus von Schwäche und Unterdrückung zu „nach unten treten“. Es ist gerade Aufgabe der Linken hier anzusetzen und den berechtigten Hass ggf. sogar, wenn er sich in Gewalt ausdrückt, bspw. in Riots, zu politisieren. Dies aber nicht zur Glorifizierung der Gewalt, sondern um einen Ausweg, eine Perspektive heraus aus den gewaltvollen Verhältnissen, die auf uns einwirken, zu eröffnen. Sich gegen diese Verhältnisse zu wehren, ist legitim, das Mittel hierfür aber nicht mit dem Ziel gleichzusetzen. Denn wenn Gewalt ein Zeichen von Lebensschwäche oder Angst ist, dann ist dies nicht einfach eine plumpe, freiwillige Entscheidung, die mich Gewalt ausüben lässt, sondern eng verwoben mit den Verhältnissen, die mich umgeben und prägen.
So einfach und doch so entscheidend ist also: die jungen Menschen müssen Empathie lernen, einander annehmen und in die Pflicht genommen werden, Sorge füreinander zu tragen. Dies kann zwar nicht unmittelbar die Verhältnisse umstoßen, ist aber dennoch mit entscheidend, um autoritären Charakterbildungen entgegenzuwirken.
Die Gefahren, die sich also aus einer entsprechenden, autoritären Bildung und Erziehung für den einzelnen Menschen selbst, aber auch für die Gesellschaft ergeben, werden insbesondere vor dem Hintergrund der Gräuel und Verbrechen des Nationalsozialismus deutlich. Sie richten sich gegen „Schwache“, Progressive, politische Gegner, Jüdinnen:Juden, viele weitere und schlussendlich gegen sich selbst.
Wilhelm Reich bricht es noch einmal runter und schreibt in seinem Werk „Die Massenpsychologie des Faschismus“: „Die faschistische Mentalität ist die Mentalität des kleinen, unterjochten, autoritätssüchtigen und gleichzeitig rebellischen „kleinen Mannes.“12 Dieses rebellische Element muss aber klar als „pseudo-rebellisch“ verstanden werden. Schließlich richtete sich die „Rebellion“ der Faschisten und autoritären Charaktere nicht gegen die bestehenden Verhältnisse und die kapitalistische Eigentumsordnung, die, so meine und unsere Analyse, die materielle Grundlage der Zurichtung der Menschen und dem Hervorbringen des Faschismus, seiner Ideologie und Vertreter und Anhänger bildet. Dies wird deutlich, analysiert man gegen wen sich ihr Hass und ihre Politik richtet (Jüdinnen:Juden, Linke, Frauen, queere Menschen, Arme, schwarze Menschen) und gegen wen oder was eben nicht (Kapitalismus, Hierarchien, Autoritarismen etc.).
Eine tatsächliche Rebellion gegen die Verhältnisse, widerständig sein gegen diese, ist immer möglich. Vielleicht hat es oft den Anschein, dass dies nur im Kleinen gelänge. Aber das sollte nicht dazu führen entsprechenden Handlungen die Wichtigkeit abzusprechen. Um im Kontext Schule zu bleiben: Hilft man einem Klassenkameraden heimlich durch das Vorsagen von Vokabeln, so ist dies ein kleiner Akt der Solidarität, welche so praktiziert und erlernt wird. Es gibt immer Formen und Möglichkeiten zur Solidarität, zum Widerstand, man hat eine (gewisse) Handlungsmacht. Mit Blick auf die letzten Buchseiten aus „Damals war es Friedrich“, so kann an diesem Beispiel deutlich werden: Hätten die Menschen im Schutzraum sich geschlossen gegen Resch gestellt, hätte Friedrich überleben können. Und wenn auch nicht in diesem Buch, so gab es doch immer wieder Menschen zur Zeit des Nationalsozialismus, die Widerstand leisteten, die – um in dem Beispiel zu bleiben – über das einfache Kritisieren von Entscheidungen hinausgingen. Sich an diesen Menschen zu orientieren, sollte bestmöglich das Ziel sein. Kurzum, dieser Bildung autoritärer Charaktere muss in Bildung und Erziehung entgegengewirkt werden.13
Doch auch hier muss ein „Aber“ eingeschoben werden: Denn der Zwang des Staates wirkt nicht nur auf die Schüler:innen, sondern auch auf die Lehrkräfte und diejenigen, die es werden wollen ein. Von ihnen wird Gehorsam ebenso wie Staatstreue, bisweilen auch Patriotismus verlangt – all dem kann man sich nicht einfach als radikale:r Linke:r in Schule entziehen und all dies wirkt über den Schulapparat, die (Breite der) Lehrkräfte auch auf die Schüler:innen ein. Schule muss also – meint man es ernst mit „antifaschistischer Bildung“ – auch immer wieder „zweckentfremdet“ werden.
Schnittstellen suchen, gezielte antifaschistische Arbeit leisten
An dieser Stelle des Textes muss aber auch klar gesagt werden, dass das Beschriebene bis hier hin zunächst darauf gerichtet war, die mögliche Bildung autoritärer Charaktere und damit die Grundlage von werdenden Faschist:innen möglichst zu verhindern. Dass dies nicht allein das Erstarken der extremen Rechten hier und jetzt beendet bzw. das Entstehen und Wachsen einer faschistischen Bewegung verhindert, ist (leider) auch allgegenwärtig sichtbar. Die Faschist:innen sind da, europaweit wachsen ihre Strukturen und Organisationen, üben Einfluss auf Staaten und nationale wie internationale Politik oder stehen bereits selbst an der Spitze von Regierungen (wie in Italien oder Ungarn). Sie üben Einfluss auf den Bildungssektor aus, um die Lernpläne umzuschreiben, kritische Inhalte zu verbieten und eine progressive, emanzipatorische Bildung zu unterbinden. Dies sieht man bspw. in Ungarn, wo bereits 2021 das Gesetz zur Beschränkung der Information über Homo- und Transsexualität in Kraft trat. Diese Gesetze und Politiken erschweren natürlich das, was wir „antifaschistische Bildung“ nennen. Sie darf und sollte sich somit nicht ausschließlich auf die schulische Bildung setzen oder sich in dieser aufhalten.14
Eine anfängliche, grundlegende, oftmals sicherlich (nur) liberal antifaschistische Haltung kann im besten Fall in der Schule vermittelt werden, sei es über die Haltung der Lehrkräfte, den Unterricht oder AGs. Unser Ziel als linke, antifaschistische Bewegung kann und muss es aber sein die dort im besten Falle gelegten Grundlagen nutzbar zu machen, zu radikalisieren und die Kritik an Faschismus und den bestehenden kapitalistischen Verhältnissen zuzuspitzen. Es können und wollen nicht alle aus unserer Bewegung Lehrkräfte werden. Das Eintreten für und Umsetzen von antifaschistischer Bildung reicht aber ohnehin weit darüber hinaus. Das „schulische Feld“ soll nun verlassen werden, gleichzeitig aber im Hinterkopf behalten werden. Es muss nun um die möglichen Schnittstellen gehen, bei denen unterschiedliche Kontexte antifaschistischer Arbeit und Praxis aufeinandertreffen bzw. treffen könnten.
Eine solche Schnittstelle kann die Arbeit von NS-Gedenkstätten sein. Nicht selten werden Gedenkstätten oder Dokumentationszentren von Klassen bzw. Kursen besucht, werden diese durch die Erinnerungsorte geführt und kommen anders als es die Schule vermag, thematisch mit der deutschen faschistischen NS-Diktatur in Berührung. Dabei können die Mitarbeitenden der Gedenkstätten freier als der reine schulische Lehrplan Inhalte vermitteln und für antifaschistische Arbeit sensibilisieren.15 Deutlich werden kann und sollte auch, dass viele dieser Gedenkstätten erst durch das Engagement von Antifaschist:innen auf den Weg gebracht, aufgebaut wurden und bis heute deren Erhalt gewährleisten. Die Gedenkstätte Gestapokeller in Osnabrück wurde nicht zuletzt durch den AStA der Uni Osnabrück, dem Antifa-Arbeitskreis, dem Antifa-Archiv oder dem Lissi-Rieke-Arbeitskreis erwirkt und aufgebaut – also auch von und durch klassische Antifa-Strukturen.16 Die „Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark e.V.“ hat einen solchen Gedenkort im Nordosten Brandenburgs mit langem Atem und kontinuierlicher Arbeit aufgebaut und die Menschen, die diese Arbeit seit über 20 Jahren bis heute leisten machen aus ihrer klaren antifaschistischen Haltung ebenso wenig einen Hehl wie von der Tatsache, dass sie keine staatliche Einrichtung sind bzw. einer solchen unterstehen.17 Die eigene Geschichte der Entstehung der Gedenkstätten muss bei Besuchen und bei der Gestaltung der Gedenkstätten eine Rolle spielen.18 Und auch wenn längst nicht alle Gedenkstätten aus dem Engagement von Antifaschist:innen der 1980er und 1990er Jahre entstanden sind, so kann die Geschichte der Gedenkstätten ohne dieses Engagement nicht verstanden werden.
Die Arbeit in diesen Gedenkstätten hat aus mehrerlei Gründen besondere Relevanz für die antifaschistische Bewegung als auch für das, was hier als „antifaschistische Bildung“ gefasst wird. So schaffen und vermitteln die Gedenkstätten wichtiges Wissen über die Taten und Folgen der NS-Diktatur, des deutschen Faschismus, geben Zeugnis ab über die Widerstandshandlungen der Inhaftierten und bleiben eine Mahnung für die Gesellschaft vor dem, was Faschist:innen tun und welches Leid sie anrichten, haben sie ausreichend oder gleich die gesamte Macht inne.19 Die Eigenständigkeit dieser Gedenkstätten muss gegen parteipolitische oder auch staatliche Interventionen oder Eingriffe verteidigt werden, es ist also auch an uns in diesen Bereichen zu partizipieren und sich zu engagieren.20 Die Geschichte darf nicht verwässert, revidiert oder in einem anderen Maße verzerrt werden. Hier kann die Bildung, auch die einer antifaschistischen Gesinnung – nicht zuletzt für nachfolgende Generationen – verteidigt werden. Gleichzeitig sollten diese Gedenkstätten proaktiv Kooperationen mit Vereinen, Schulen und antifaschistischen Initiativen anstreben und in diesem Zuge möglichst niederschwellige Möglichkeiten und Angebote schaffen, um bei der Arbeit mitwirken zu können.21 Gedenkstätten können mitunter noch leichter als es bspw. Schule könnte einen Raum zum kritischen Lernen und Ausprobieren schaffen, immer mit einem Kontext, der aufgrund der Sache bereits antifaschistisch ausgerichtet ist. Zudem eröffnen die Gedenkstätten den lokalen Bezug zur Geschichte, was wiederum Interesse wecken kann und gleichzeitig einer:m auch immer wieder vor Augen führt, dass der deutsche Faschismus auch direkt vor der eigenen Haustür wütete, schlimmste Gräuel verübte und dort auch gestoppt werden musste.
Hier, wie in jedem anderen Bereich der „Bildung“, braucht es den Raum eigene Erfahrungen machen zu können und damit verbunden auch Fehler machen zu können und zu dürfen. Schule und auch Arbeit in und mit Gedenkstätten können dies ermöglichen und den Rahmen schaffen, dass insbesondere junge Menschen sich selbst in der Auseinandersetzung mit dem Thema Nationalsozialismus22 oder dem Erstarken der extremen Rechten in Deutschland, Europa und darüber hinaus, ausprobieren können. Nicht nur deswegen, sondern auch, weil Fehler sich insbesondere bei die Antifa Arbeit in halb-offenen oder geschlossenen linken Organisationen/ Gruppen schlimmer auswirken können und folglich auf ein Minimum reduziert werden müssen, findet sich dieser Abschnitt hinsichtlich des ersten Erlernens von Inhalten und Praktiken und der Akzeptanz Fehler machen zu dürfen, an dieser früheren Stelle des Textes.
Vom liberalen zum radikalen Antifaschismus
Der schulische Bereich kann, ohne das absolut setzen zu wollen, maximal die ersten Grundlagen für eine liberale antifaschistische Haltung der Schüler:innen legen, gleiches gilt weitestgehend für die Arbeit von Gedenkstätten bzw. mehr noch für die dort Arbeitenden und Engagierten. Auch hier muss also erneut die Schnittstelle gesucht werden.
Zuvor aber noch ein knapper Einschub, weshalb hier vehement dafür eingetreten wird, nicht bei einem liberalen, bürgerlichen Antifaschismus bzw. einer entsprechenden Haltung stehen zu bleiben: sich selbst als antifaschistisch zu verstehen ist immer begrüßenswert. Aber wenn aus dieser Haltung keinerlei (nachhaltiges) Handeln erwächst, dann ist mit der reinen Haltung an sich noch nicht wirklich etwas gewonnen. Ein Beispiel: als im Frühjahr 2024 hunderttausende Menschen in Deutschland im Zuge der Enthüllungen von Correctiv über das „Geheimtreffen extrem rechter Akteure, von Identitärer Bewegung, AfD aber auch CDU-Politikern“ auf die Straße gingen, war der Aufschrei groß.23 Ohne das heere Anliegen, welches viele Menschen bei den Demonstrationen und Kundgebungen vertraten, in irgendeiner Form diskreditieren zu wollen: Für uns linke Antifaschist:innen war das, was in Potsdam verhandelt wurde weder neu noch überraschend. Seit Jahren warnen linksradikale und Antifa-Strukturen vor genau solchen Plänen und Schulterschlüssen extrem rechter Akteure mit dem konservativen und bürgerlichen Lager und vor dem Hineinwirken in die Gesellschaft, in welcher sie ihr menschenfeindliches Gedankengut pflanzen wollen. Worauf die radikale Linke aber bereits im Januar immer wieder hinwies: Auf die bürgerlichen Parteien können wir uns nicht verlassen, wenn wir die Angriffe der extremen Rechten auf „die Gesellschaft“ und konkreter noch auf Geflüchtete und Minderheiten abwehren wollen und das einmalige Demonstrieren verhindert nicht den weiteren Aufstieg der AfD und ihres Vorfelds.24 Wir sollten recht behalten: Die „Ampel-Regierung“ war nicht in der Lage oder gewillt die soziale und wirtschaftliche Situation armer, marginalisierter, „abgehängter“ oder geflüchteter Menschen zu verbessern und damit der Rechtsentwicklung das Wasser abzugraben; und nur ein Jahr nach den Correctiv-Enthüllungen rund um das Potsdamer „Geheimtreffen“ verschärfen sich die Angriffe auf das Asylrecht (weiter), die CDU legte einen Gesetzesentwurf zur Abschaffung des Familiennachzugs vor, welchem die AfD klatschend und feixend zustimmten. Auch wenn die CDU wenige Tage später zurückzurudern versuchte, so offenbarte sich hier, dass Politiker:innen, die sich nur wenige Monate zuvor noch als die empörten Antifaschisten geriert hatten, die die AfD und ihre Pläne ja so widerlich fänden, mehr als nur Fähnchen im Wind sind. Sie sind politische Feinde, wenn sie sich nicht klar antifaschistisch gerade machen.25
Können wir uns also auf den Staat im Kampf gegen Faschist:innen nicht verlassen, müssen wir diesen Kampf also selbst führen und können uns auch nur auf unsere eigene Stärke stützen. Das bringt auch Vorteile mit sich: Wie wir handeln, bestimmen wir selbst. Im Umgang mit Antisemiten schrieb Adorno 1964: „Diesen Menschen gegenüber, die im Prinzip selber lieber auf Autorität ansprechen und die sich in ihrem Autoritätsglauben auch nur schwer erschüttern lassen, darf auf Autorität auch nicht verzichtet werden. Wo sie sich ernsthaft vorwagen bei antisemitischen Manifestationen, müssen die wirklich zur Verfügung stehenden Machtmittel ohne Sentimentalität angewandt werden […].“26 In aller Kürze wird hier also dargelegt, wie mit „autoritären Charakteren“ umzugehen sei – Faschist:innen und Antisemit:innen „liegt dieser autoritäre Charakter zugrunde“, wie oben bereits besprochen.27
Zurück zu (möglichen) Schnittstellen: Es kann gewinnbringend sein, wenn antifaschistische, linke Initiativen und Strukturen selbst Gedenkstätten besuchen, sich weiterbilden und sich so vielleicht auch gezielt mit der Geschichte der eigenen Bewegung, des eigenen Ortes usw. auseinandersetzen. Dies kann neue Diskussionen oder Arbeitsfelder eröffnen und im besten Falle gemeinsame Arbeiten mit den Gedenkstätten anstoßen.
Umgekehrt liegt hier aber auch ein Arbeitsfeld, in welchem linke Antifaschist:innen sich einbringen und engagieren sollten. Denn zum einen kann so mitentschieden werden, welche Ausrichtungen Gedenkstätten nehmen (sollen), wie sie sich zu öffentlichen, politischen Diskussionen und Entwicklungen positionieren, wie klar und scharf die Worte und Kritik sind, die sie äußern. Zum anderen ist man so in der Lage in die Gesellschaft hineinzuwirken, junge Menschen zu erreichen (s.o.) und der stetig voranschreitenden Geschichtsklitterung von Rechts etwas entgegenzusetzen. Zwar kann hier nicht mit absoluten Zahlen dargelegt werden, wie viele Menschen durch die Besuche von Gedenkstätten nachhaltig politisiert wurden bzw. bei wie vielen hieraus sogar ein stetiges, politisches Engagement erwuchs. Aber: der Besuch einer Gedenkstätte kann sicherlich auch denen, die schon länger politisch aktiv sind und vielleicht auch ob ihrer (vermeintlichen) Wirkungslosigkeit dennoch zeigen, dass es richtig ist zu kämpfen und gegen eine zunehmende Kälte der Verhältnisse und Barbarisierung einzutreten. Gesehen werden muss auch, dass insbesondere die AfD aber auch zahlreiche extrem rechte Akteure, Gruppen und Strukturen nicht ohne Grund vermehrt Gedenkstätten angriffen und diese am liebsten zum Aufgeben zwingen würden. Gedenkstätten treffen also einen wunden Punkt von Faschist:innen. Das eigene antifaschistische Engagement muss hier also aufrechterhalten werden, mehr noch es muss ausgeweitet werden. Darüber hinaus kann zwar nur in selten Fällen tatsächlich von der dortigen Arbeit „gelebt“ werden28, die Gedenkstätten bilden aber einen Rahmen, in dem Antifaschist:innen verhältnismäßig sicher arbeiten und sich oder ihre Strukturen – mitunter zumindest in Teilen – finanzieren können.
Wichtig sind aber auch Strukturen oder Organisationsformen, welche gänzlich unabhängig von staatlichen oder bürgerlichen Institutionen sind; Strukturen also, die wir selbst stellen und deren Inhalt selbstbestimmt, emanzipatorisch und radikal antifaschistisch sind: Genannt werden können hier Lesekreise, Offene Antifa-Treffen oder auch halb-offene bis nicht offene Gruppen. So unterschiedlich all diese Gruppen- und Organisationsformen oder Arbeitsfelder auch sind oder sein können, brauchen sie alle mittel- bis langfristig einen Wissenstransfer an neue Menschen, die Teil der Bewegung werden. Platt gesagt: die Revolution steht nicht vor der Tür, vermeidbare Fehler sollten sich möglichst nicht wiederholen, um den Einzelpersonen, den Gruppen, aber auch der Bewegung als ganze nicht zu schaden und hinsichtlich der derzeitigen Schwäche der radikalen Linken (in Deutschland) muss es (leider) immer auch das Ziel sein, die „zarte Flamme“ der revolutionären Idee und ihrer Träger nicht erlöschen zu lassen und sie am Leben zu erhalten.
Zwischen Lesekreisen, welche sich mit Faschismustheorien oder dem Zusammenhang von Kapitalismus und Faschismus auseinandersetzen und linksradikalen/ Antifa-Gruppen, welche es sich vor allem zum Ziel gesetzt haben, Faschos die Straße streitig zu machen, soll hier keine Hierarchisierung stattfinden. Theorie und Praxis müssen und sollten immer zusammengedacht werden. Praxis ohne Theorie kann in blinden Aktionismus führen, welcher womöglich bei großer Kraftanstrengung und Commitment dennoch nicht das gewünschte Ergebnis zu erreichen im Stande ist. Theorie ohne die Anbindung an die Praxis kann nie durch den „Praxistest“ bestätigt oder falsifiziert werden und bleibt am Ende doch ohne Auswirkung auf die materiellen Verhältnisse.
Antifaschistische Bildung muss also beides – Theorie und Praxis – abdecken oder andersrum von diesen beiden Ebenen abgedeckt werden. So unterschiedlich die einzelnen Menschen auch sind, so unterschiedlich ist sicherlich auch ihr Interesse an Theorie- oder „praktischer“ Arbeit. Wir möchten hier aber dafür werben, zumindest auf einem grundlegenden Niveau immer beides zu betreiben!29
Nicht selten muss weder die ganz praktische Antifa-Arbeit (Demos, OATs, Recherche usw.) ebenso wenig wie die Theorie-Arbeit (Lesekreise usw.) von ganz neu aufgebaut werden. Es ist also an uns mögliche Schnittstellen zu finden und diese Strukturen, sollten sie es noch nicht tun, möglichst eng aneinander zu führen, den Austausch zu verstetigen und gegenseitiges Lernen voneinander zu ermöglichen. Gelingt uns dies, so sorgt dies bestenfalls dafür, dass wir für neue, interessierte Menschen einen so leichten Einstieg wie es eben geht, schaffen und diese sich dann in einem für sie passenden und interessanten Rahmen einbringen können.
Bildung heißt in diesem Kontext nun die Gründe für das Erstarken von Faschismen nicht nur in Deutschland, sondern global zu erfassen30, aber auch einander das praktische Know-how weiterzugeben. Dazu kann zählen, wie An- und Abreise bei Anti-Nazidemos organisiert werden, wie ich mich auf diesen verhalten sollte, worauf im Umgang mit Polizei oder Justiz zu achten ist oder welche Risiken unterschiedliche Aktionen mit sich bringen können und wie ich diese minimieren kann.
Insbesondere vor dem Hintergrund, dass gerade antifaschistische Arbeit, welche sich in ihrer Praxis gegen Nazis stellt, dabei sichtbar ist (um auch neue Menschen anzusprechen) und die auch lokal klar verortet werden kann31, ist es wichtig, dass wir uns selbst wie auch unsere Gruppen schützen. Und das kann nur gehen, wenn die eigene Arbeit immer wieder reflektiert wird und wir uns selbst theoretisch wie praktisch „schulen“.
Dabei meint dies hier zwar auch die Wissensweitergabe erfahrener Genoss:innen an jüngere oder weniger Erfahrene, gleichzeitig sollte Bildung und Weiterbildung auch immer ein stetiger und anhaltender Prozess sein, in welchem auch die länger Aktiven auch von den jüngeren lernen können, „vermeintliche“ Gewissheiten, Abläufe und Strukturen inhaltlich und praktisch auf den Prüfstand gestellt werden und eine gemeinsame (Wissens-)Basis kontinuierlich erarbeitet wird. Bestenfalls kann so auch einem „Szenetrott“ entgegengewirkt werden.
Es muss also darum gehen nicht nur die eigene Gruppe, Struktur oder Organisation, sondern bestmöglich jede:n und somit auch sich selbst dazu zu befähigen, Autoritarismen, Rechtsentwicklungen und Faschismen vor Ort im eigenen Wirkungskreis wahrzunehmen, die Gründe für deren Aufkommen zu erfassen und um mögliche Strategien dagegen zu wissen. Konkret: wenn ich mitbekomme, dass bspw. die AfD in regelmäßigen Abständen Infostände in der Stadt abhält, braucht es Vorüberlegungen und Wissen, wie ich diese bestmöglich stören kann, um diese Art rechter Raumnahme und rechter Propaganda zu bekämpfen. Sicher, ein Banner ist schnell gemalt und die Genoss:innen ebenso schnell eingepackt, um gegen den Infostand zu protestieren. Doch sollte vorab klar sein, was das Ziel der Aktion ist, welche Aktionsform gewählt werden soll, welche Reaktion seitens AfDlern oder auch der Polizei zu erwarten ist usw. An dieser Stelle soll ein solcher Protest nicht übertheoretisiert werden. Und gleichzeitig macht es (immer) Sinn vorab die möglichen Eventualitäten und Aspekte abzuklären. Welche das sind, dazu braucht es das nötige Wissen, welches weiterzugeben bzw. sich anzueignen ist. Melde ich einen Gegenprotest an, kann es sein, dass die Polizei diesen fernab des Infostandes positioniert, so dass der Protest in seiner Wirkung klar eingeschränkt wird. Zudem braucht es dann eine:n Anmelder:in, die die gesamte Zeit beim Protest anwesend sein muss und von der Polizei haftbar für „Fehlverhalten“ gemacht werden kann, welcher aus diesem Protest hervorgeht. Habe ich selbst Infomaterial dabei, welches vorbeigehenden, solidarischen Passant:innen mitgegeben werden kann und vielleicht sogar die Aussagen der AfDler an diesem Tage widerlegen kann, wie kann mögliche Pressearbeit aussehen, und und und. Will man die Raumnahme effektiv verhindern, so müssen Netzwerke und Strukturen aufgebaut werden, die in der Lage sind, dies über den einmaligen Protest hinaus zu stemmen und auch hier braucht es wieder Wissen und Bildung, wie man so etwas schaffen kann. Bei solchen Aktionen oder offenen Strukturen kann dann auf leichtem Wege der Einbezug neuer Menschen geschaffen werden, sei es beim Malen neuer Banner oder in der Aktion selbst beim Halten dieser. Das mag so offensichtlich sein, dass es keiner Erwähnung wert scheint, aber hier kann dann ganz einfach eine Selbstwirksamkeit erfahren werden, die so wichtig ist. Man findet die AfD scheiße und konnte dann durch das Halten des Banners dieser Haltung Ausdruck verleihen und im besten Fall der AfD das Unterbringen ihrer Inhalte in der Fußgängerzone erschweren. Dieses Empfinden und diese Erfahrung braucht es – und hoffentlich konnte der Text auch erklären, warum: Nur mit dem Erfahren von Selbstwirksamkeit kann man autoritärer Lösungen etwas entgegensetzen, denn statt auf den vermeintlichen „Heilsbringer“ zu hoffen, erfährt man, dass durch eigenes Engagement selbst etwas bewirkt werden kann. Dass dies immer auch Grenzen hat, ist offenkundig, doch auch dies auszuhalten, sich trotzdem nicht beirren zu lassen und durchzuhalten, kann durch die theoretische Auseinandersetzung und der (Selbst-)Bildung verstanden und auch durchgestanden werden.32
Ausblick
Es braucht den Kampf gegen die bestehenden Verhältnisse, die die Ordnung tagtäglich reproduziert. Aber wir brauchen Menschen, mehr Menschen, die diese Kämpfe mit uns führen. Es braucht, eine Linke, die unversöhnlich ist mit den bestehenden Verhältnissen und die die berechtigte Wut und den Hass, den gerade Schüler:innen/Jugendliche haben, politisiert – dafür muss sie als antagonistische Linke wahrnehmbar sein und sich nicht noch weiter integrieren lassen. Wir müssen als radikale Linke in die Gesellschaft reinwirken, in unsere Klasse reinwirken. Das geschieht bereits, sei es durch Vorträge oder gelebte Empathie oder Solidarität. Beispielhaft können hier die Küfa (Küche für alle), Begleitungen beim Jobcenter antifaschistische Unterstützung bei den CSDs deutschlandweit genannt werden. Antifaschistische Bildung ist hinsichtlich der drängenden Frage, wie all dies (besser, effizienter, nachhaltiger und konsequenter) gelingen kann, unerlässlich. Sie ist ein Baustein, der nicht aus dem Blick geraten darf.
Wir brauchen engagierte Menschen, die wissen wofür und wogegen sie kämpfen, die einschätzen können, welche Kämpfe wie geführt werden können, die offen sind für Neues ohne aber inhaltlich wie praktisch ein Fähnchen im Wind zu sein. Und wir brauchen eine Bewegung, die es verkraften, aushalten und schaffen kann, auch wenn sich Menschen aufgrund von Familie, Krankheit oder anderen Gründen (zeitweilig) zurückziehen müssen. Neue Menschen werden sich einbringen wollen, wenn wir sie erreichen.
Wir haben gesehen, wie niederschwellig erste Berührungspunkte mit Antifaschismus bzw. einer „antifaschistischen Grundhaltung“ entstehen können („Damals war es Friedrich“). Wir haben gesehen, dass es bereits in der Schule erste Momente geben kann, die eine antifaschistische Haltung entstehen lassen können und gleichzeitig welch begrenzter Rahmen Schule in dieser Hinsicht auch ist.33 Autoritäre Charaktere können dort ebenso heranwachsen, wie resiliente, obrigkeitskritische junge Menschen. Besuche von NS-Gedenkstätten und das Engagement dort können diese jungen Menschen stärken und ihre antifaschistische Haltung festigen, (Weiter-)Bildung auch außerhalb von Schule ist unabdingbar. Sich an diesen (Schnitt-)Stellen einzubringen, kann ein Tätigkeitsfeld von Antifaschist:innen sein. Dass die radikale Linke aber auch unabhängig – vernetzt, aber autonom – agieren muss, bringt das Wissen mit sich, dass es ein bürgerlicher, im Staat integrierter Antifaschismus notwendigerweise an seine Grenzen kommen muss. Neue Menschen an solche Strukturen heranzuführen und wichtige Inhalte und Know-how zu erlernen und sich zu erarbeiten, ist dabei ebenso notwendig wie das stete Reflektieren der eigenen Arbeit, Theorie, Verhältnisse. Das schließt die Art und Weise wie der Bildungsbegriff hier verwendet wird und der Text als Ganzen mit ein. Wo finden sich in dem Text Lücken, gibt es weitere, nicht beachtete oder diskutierte Schnittstellen an denen unser Engagement auf- bzw. ausgebaut werden kann und sollte? Behält der Text oder einzelne Abschnitte seine/ihre Aktualität oder büßt er diese mit der Zeit und sich verändernden Verhältnissen ein?
So düster die Zeiten sein mögen, es gibt immer einen Weg solidarisch zu sein, die Möglichkeit und Notwendigkeit sich einzubringen und zu handeln. Aus „Damals war es Friedrich“ darf kein „Heute ist es …“ werden! So wie die Menschen in der Geschichte vehemente hätten eingreifen können und müssen, so gilt es heute ein Widerholen von Geschichte zu verhindern und seine Lehren aus ebendieser zu ziehen. Auch das ist ein Aspekt Antifaschistischer Bildung und eine Grundhaltung, die jede:r Antifaschist:in sich verpflichtet fühlen und folglich handeln sollte!
Seien wir mutig, seien wir aufgeschlossen und achten wir gleichzeitig auf unser Wohlbefinden, unsere Sicherheit und darauf, dass bereits erlangtes Wissen nicht verloren geht, sondern immer wieder aufs Neue solidarisch-kritisch reflektiert und zur Anwendung gebracht wird. Bildet Banden, bildet euch!
Für eine starke antifaschistische Bewegung, für eine bessere Welt für alle!
Alerta
Literaturempfehlungen:
Wörsching – Faschismustheorien
Antisemtismus und die Afd
Kollektiv Schulschluss – Tipps und Tricks für Antifas und Antiras (2023)
Ishay Landa – Der Lehrling und sein Meister
Umberto Eco – Der ewige Faschismus
Alexander Neupert-Doppler – Organisation
Antonio Scurati – Faschismus und Populismus
Anmerkungen:
1 Richter, Hans Peter: Damals war es Friedrich. (Stellenweise wurde der Buchausschnitt für einen stringenten Lesefluss gekürzt, jedoch ohne inhaltliche Änderungen.)
2 Ohne zu konkret werden zu wollen: Ich bin seit vielen Jahren politisch in linksradikalen/ Antifa-Strukturen organisiert und schreibe diesen Text für die Gruppe LiKOs (Libertäre Kommunist:innen Osnabrück), in welcher ich seit mehreren Jahren aktiv bin.
3 Beispielhaft deshalb, da je nach Ort und Situation die Begebenheiten für uns Aktivist:innen völlig unterschiedlich sein können. Gibt es in der näheren Umgebung keine NS-Gedenkstätte, so müssen logischerweise andere Aktionsfelder gesucht werden oder man konzentriert sich andersrum gerade deshalb darum, dass die Geschichte des Ortes/ der Umgebung aufgearbeitet wird.
4 Adorno, Theodor W. – Aspekte des neuen Rechtsradikalismus (1967), S. 28f.
5 Sich in diesem Kontext bspw. bei der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) einzubringen, kann ein Baustein sein, welcher „antifaschistische Bildung“ im weitesten Sinne ausmacht, stärkt oder zumindest gegen ihre Verunmöglichung anwirkt.
6 Adorno, Theodor W. – Theorie der Halbbildung (1959), S. 42.
7 Für uns Linke deshalb relevant, da dies falsche Erklärungen von Klassen, Klassenunterschieden oder antisemitische Denkmuster den Weg bereiten und befeuern kann.
8 Ohne per se alle „freisprechen“ zu wollen, nehmen dies manche Lehrkräfte womöglich selbst gar nicht so wahr – die von ihnen unterrichteten Schüler:innen im Gegensatz dazu aber sehr wohl.
9 An dieser Stelle muss darauf hingewiesen werden, dass sich auch im Bildungskontext Autoritäten schlicht nicht auflösen lassen und dies auch nicht das Ziel sein kann und muss, sofern diese Autorität der Lehrkraft damit begründet ist, dass sie – logischerweise (aufgrund von Erfahrungen, Bildung, Studium) – einen Wissensvorsprung gegenüber den Schüler:innen hat. Das Ziel muss es aber immer sein, diesen Wissensvorsprung abzubauen und somit auch das „autoritäre Gefälle“. Wer etwas weiß, muss es auch erklären. Autorität um ihrer selbst willen oder plumb aufgrund von Alter, Entscheidungsbefugnissen usw. ist folglich auch zu kritisieren und abzulehnen.
10 Natürlich sind diese wenigen Sätze stark verkürzend und blenden wichtige Aspekte und Parameter aus, die eben auch zur Bildung des „autoritären Charakters“ führen. Sowohl Wilhelm Reich als auch Adorno selbst richten ihren Fokus immer wieder stark und zurecht auf die familiären Strukturen und die Rolle der Eltern, insbesondere des Vaters. Da bei dem hier behandelten Thema aber die Diskussion über den Umgang in und mit der Familie wenig praktischen Mehrwert hat, wird dies hier bewusst ausgelassen.
11 Die Aufführungen sind eng angelegt an einen Abschnitt aus Fritz Bauers Text „Die Wurzeln faschistischen und nationalsozialistischen Handelns“ (1965). Bauer war früherer deutscher Generalstaatsanwalt, der zur Verhaftung Adolf Eichmanns beitrug und großen Anteil daran hatte, dass ehemalige SS-Leute im Frankfurter Auschwitzprozess verurteilt wurden. Hier das vollständige Zitat, in welchem er sich wohl auf die Analysen Horkheimer und Adornos bezog und mit Blick auf den deutschen Nationalsozialismus schrieb:
„Je schwächer die Menschen sind und je stärker sie von Minderwertigkeitskomplexen geplagt sind, desto mehr suchen sie nach Härte gegen die noch Schwächeren und desto gewalttätiger und brutaler treten sie auf, um ihr eigenes Ungenügen und das Fiasko ihres Daseins zu verbergen. […] Der gleichen Schwäche der Untertanen, Sklaven und Gescheiterten entwuchs ihr Anspruch und ihr lautstarkes Pochen Herrenmenschentum, ihre Verachtung der angeblich minderwertigen Rassen. Das Radfahrersystem, das Buckeln nach oben und Treten nach unten, wurde von vielen praktiziert und geradezu planmäßig organisiert. […] Die Ventilwirkung, das Druckentlastungsgefühl, die Befriedung über die Möglichkeit, sich abzureagieren, sei unverkennbar gewesen. […] Wirkliche Größe ist etwas ganz anderes; Größe meint Humanität und Toleranz; nur Kleinheit, Dürftigkeit Schwäche schreien nach Härte. Härte, Gewalt und Brutalität sind noch immer das Zeichen von Lebensschwäche, Lebensneid, Lebensangst gewesen; sie kennzeichnen den Mob.“
12 Reich, Wilhelm – Die Massenpsychologie des Faschismus (2011), S. 15.
13 Vgl. Adorno, Theodor W. – Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute (2024), S. 32.
14 Ohnehin wäre das eine falsche Perspektive. Schließlich werden niemals alle Lehrkräfte in unserem Sinne (fundamental-kritische, radikale) Antifaschist:innen sein. Zudem ist das, was möglichst umfängliche antifaschistische Bildung bedeutet, inhaltlich so breit und eben fundamental-kritisch und radikal, dass es nicht in der Schule vermittelt werden kann und sollte.
15 Kritik kann und sollte angebracht werden, wenn Gedenkstätten keine politische Haltung zum Heute vertreten und sich als vermeintlich neutral gerieren. Ist der Druck von Seiten der extremen Rechten hierfür der Hauptgrund, gilt es die Gedenkstätten zu unterstützen, sich mit ihnen zu solidarisieren und (ihnen) gleichzeitig aufzuzeigen, dass eine „Neutralität“ mit dem „letzten Grund“ der Gedenkstätten nicht vereinbar ist.
16 Die Gedenkstätte Gestapokeller wurde 2001 in den ehemaligen Haftzellen eingerichtet (Link: https://gedenkstaetten-augustaschacht-osnabrueck.de/ueber-uns), bereits 1995 wurde aber unter anderem von den oben genannten Gruppen und Strukturen genau dieser Ort (neben weiteren) mit einer Demonstration (4. April 1995 – Nachweise und Flugblätter befinden sich in den Archiven und Unterlagen der Geschichtswerkstatt Regionale Täterforschung Osnabrück, Link: https://geschichtswerkstattos.noblogs.org) in den Blick genommen und so die NS-Stadtgeschichte in das Bewusstsein der Osnabrücker Stadtgesellschaft gezerrt.
17 Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark e.V., Link: https://gedenkort-kz-uckermark.de/gedenkort/geschichte-des-gedenkorts/.
18 Dies kann – hoffentlich – auch hinsichtlich des Aufbaus und der Gestaltung der Gedenkstätten vorbeugen, dass diese zur Mystifizierung des Nationalsozialismus bzw. des Faschismus beitragen.
19 Verknappt gesagt, ist dies nicht zuletzt der Grund, weshalb die Gedenkstätten aktuell massiv von Rechten bedroht werden. Hierzu muss auch der von der AfD (mit-)betriebene Kulturkampf und die von der Partei gestellten parlamentarischen Anfragen gezählt werden, mit denen die Mitarbeitenden und die NS-Gedenkstätten als solche diffamiert werden sollen. Auf lange Sicht verfolgen die Rechten alle das Ziel die NS-Gedenkstätten zu schließen und eine Revision der deutschen Geschichte zu vollziehen. Einschnitte der finanziellen Förderungen wie bspw. im Haushaltsentwurf für 2025/2026 Freistaat Sachsen de facto zu finden sind, bedrohen die ohnehin unterfinanzierten Gedenkstätten und werden (noch) nicht von der AfD verschuldet und umgesetzt!
(Nachweis: https://www.nd-aktuell.de/artikel/1191260.erinnerungspolitik-gedenkstaetten-unter-druck-orte-der-selbstkritik.html.)
20 Dass nicht nur faschistische Parteien oder Akteure gegen unliebsame oder kritische Gedenkstättenarbeit vorgehen, verdeutlicht die Kündigung der Räumlichkeiten des Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager durch die Stiftung Gedenkstätte Esterwegen. Das DIZ wurde 1981 unter anderem von Überlebenden der Emslandlager gegründet und hatte maßgeblichen Anteil an dem Aufbau der Gedenkstätte Esterwegen, in dessen Räumlichkeiten das DIZ seit der Eröffnung 2011 verlegt wurde. Aufgrund politischer Machtspiele, vor allem durch den CDU-Landrat Marc-André Burgdorf, verlor das DIZ dort die Räumlichkeiten 2024 und wurde dadurch wissentlich massiv in seiner Existenz bedroht. (Nachweise: https://diz-emslandlager.de ; https://braunschweig-spiegel.de/wp-content/uploads/2023/06/AK_DIZ_Emslandlager_Unterstuetzungsaufruf_05062023.pdf)
21 Beispielhaft kann hier die Digitalisierung von Quellen aus ehemaligen Konzentrationslagern oder das Erstellen oder Anfertigen neuer Infotafel genannt werden.
22 Sicherlich muss bei der Auseinandersetzung mit dem historischen Nationalsozialismus klar werden, dass der Nationalsozialismus trotz seines Namens nichts gemein hat mit dem, was Marx, Engels oder Luxemburg bzw. radikale Linke heute unter Sozialismus verstanden und verstehen. Alternativ kann vom „deutschen Faschismus“ gesprochen werden. Das Für und Wider dieser alternativen Bezeichnung muss an anderer Stelle abgewogen werden.
23 Tagesschau – Ein Jahr nach Correctiv-Enthüllungen. Was von den Massenprotesten übrig bleibt, Link: https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/correctiv-recherche-afd-proteste-100.html.
24 Rede der antifaschistischen Mitmachkampagne „Den Rechten die Räume nehmen“ auf der „Kundgebung gegen Rechts“ am 27. Januar 2024 – Link: https://www.instagram.com/p/C3A7ypdMtr4/?igsh=ZzZ5d3BlMDcxa3Zt&img_index=1.
25 Pro Asyl – Schäbig und rechtswidrig – Gesetzentwurf zur Abschaffung des Familiennachzugs, Link: https://www.proasyl.de/news/schaebig-und-rechtswidrig-gesetzentwurf-zur-abschaffung-des-familiennachzugs/.
26 Adorno, Theodor W. – Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute (2024), S. 18. – ungekürztes Zitat: „Diesen Menschen gegenüber, die im Prinzip selber lieber auf Autorität ansprechen und die sich in ihrem Autoritätsglauben auch nur schwer erschüttern lassen, darf auf Autorität auch nicht verzichtet werden. Wo sie sich ernsthaft vorwagen bei antisemitischen Manifestationen, müssen die wirklich zur Verfügung stehenden Machtmittel ohne Sentimentalität angewandt werden, gar nicht aus Strafbedürfnis oder um sich an diesem Menschen zu rächen, sondern um ihnen zu zeigen, dass das einzige, was ihnen imponiert, nämlich wirklich gesellschaftliche Autorität, einstweilen denn doch gegen sie steht.“
[Anmerkung: Dass diese gesellschaftliche Autorität, welche sich gegen Antisemit:innen stellt und sie und ihre Haltungen ächtet, immer mehr schwindet, ist nicht unumkehrbar. Wir müssen dafür eintreten, dass diese Ächtung und Ablehnung (wieder) Konsens wird.]
27 So wie Adorno hier über Antisemiten spricht, so kann dies ohne theoretische Probleme auch auf Faschist:innen bezogen werden. Wörsching legt in seinem Einführungstext in die Faschismustheorien überzeugend dar, dass Faschist:innen in ihrem Denken und ihrer Ideologie mittel- und langfristig nicht auf den Antisemitismus verzichten können. Link: https://faschismustheorie.de/wp-content/uploads/2011/02/Woersching_Der-Kampfbegriff_Iz3w-339_2013.pdf. Und auch Stefan Dietl zeigt in seinem Buch „Antisemitismus und die AfD“, dass dieser Antisemtismus bei aller Heterogenität in der AfD und mancher eigentlich offenkundiger Unvereinbarkeiten (bspw. Haltung und Lebensmodell von Weidel und Gauland), der Antisemitismus die extreme Rechte in der AfD aber auch darüber hinaus zusammenhält.
28 Befristete Verträge, Verträge nur für bestimmte Projekte, Vollzeitstellen gibt es wenig und die Gehälter sind i.d.R. schlicht niedrig – all dies machen die Arbeitsverhältnisse oftmals prekär.
29 Was in diesem Falle „grundlegend“ bedeutet, dass bleibt den einzelnen Gruppen und Strukturen selbst vorbehalten und sollte immer wieder Teil von Diskussionen sein.
30 Als Einstieg für die Auseinandersetzung kann bspw. der Artikel „Die Rückkehr des Faschismus“ von Benjamin Opratko herangezogen werden – Link: https://www.akweb.de/ausgaben/700/die-rueckkehr-des-faschismus-droht-erneut-die-machtuebernahme-der-extremen-rechten/.
31 Gemeint sind hier bspw. Autonome Zentren oder alternative Wohnprojekte, in welchen linke Aktivisten verortet werden können bzw. von denen bewusst aus linke Politik betrieben und/oder emanzipatorische Lebensweisen gelebt werden.
32 Sicher, in diesem Beispiel werden nicht zwingend die Sympathisant:innen der AfD oder anderer extrem rechter Parteien überzeugt, wohl aber gerade erst anpolitisierte junge Menschen. Es gilt immer wieder zu reflektieren, wen man wie mit welcher Aktion, mit welchem Text, welchem Inhalt überzeugen möchte. So richtet sich antifaschistische Bildung immer nach innen in die eigene Bewegung, aber auch nach außen, um nicht zu verkümmern und auch zukünftig noch wirkmächtig sein zu können.
33 Denn nur mit (schulischer) Bildung werden wir dem Erstarken der Rechten und seiner Grundlage, der kapitalistischen Gesellschaft nicht beikommen. Vor allem staatliche Bildung gerät hier logischerweise an ihre Grenzen. Zudem wäre es auch schlicht falsch anzunehmen Bildung würde bei oder in der Schule aufhören.
