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Feministischer Streik 2024 – Redebeitrag

Unser Redebeitrag auf der Demo des feministischen Streikbündnis Osnabrück am 08.03.2024:

Liebe Genossinnen, liebe Passantinnen! Zum heutigen Feministischen Kampftag schließen sich vielerorts Frauen* und andere über ihr Geschlecht unterdrückte Menschenzusammen, um zu streiken.

Zunächst ein Hinweis: Wir sind uns darüber bewusst, dass das Patriarchat in all seiner Brutalität auch und gerade jene trifft, die sich nicht in der Binärität Mann-Frau wiederfinden oder sich lediglich nicht mit dem Begriff „Frau“ identifizieren, und entweder dennoch als solche gelesen werden oder aber ehemals gelesen wurden und somit die Brutalität, die mit dieser Lesart verbunden ist, darüber erfuhren oder erfahren. Die Realitäten und Selbstbilder jener, die patriarchale Gewalt erfahren, unterscheiden sich massiv voneinander. Wenn im Folgenden also von „Frauen“ die Rede ist, passiert das explizit mit dieser Anmerkung im Kopf und in dem Versuch feministische internationale Kämpfe dennoch zu verbinden über eine gesellschaftliche und politische Kategorie, über die man als betroffene Person leider oft ähnlich wenig Handlungsmacht hat wie über die Gewalt, die mit ihr verbunden ist.

Was soll also nun bestreikt werden? Die groteske alltägliche Misere patriarchaler Verhältnisse. Die über Geschlecht vermittelte Überausbeutung von insbesondere Frauen*. Und die Kapazität dieser kaputten Gesellschaft, sich mit all diesen Quellen von Leid in die Zukunft zu reproduzieren.

Während einige bereits an dieser Stelle etwas von „habt euch nicht so. Heute stehen wir doch ganz woanders. Mit jeder Generation wird’s besser!“ rufen würden, hier ein trauriges aktuelles Beispiel, warum der Rant noch immer bitter nötig ist: Vor einigen Wochen wurde eine öffentliche Diskussion über ein mögliches weltweites politisches Auseinanderdriften junger Männer und Frauen geführt. Frauen unter 30 positionieren sich laut Alice Evans, auf deren Arbeit sich die Berichterstattung stützte, zunehmend feministisch-links, Männer unter
30 zunehmend antifeministisch-rechts. Die Krönung? In Kommentarspalten wurden Frauen* zu Kompromissen aufgerufen. Ein beträchtlicher Anteil von Typen im Dating-Pool ist nicht willens, deine körperliche Selbstbestimmung zu respektieren? Er streckt sein Kinn vor und faselt von Kinder-Küche-Kirche wenn er zur „Rolle“ von Frauen* befragt wird? Queere Existenz bereitet ihm Bauchschmerzen? ‚Schade, schade. Sehr bedauerlich. Aber alles kein Grund, ihn nicht zu daten. Wie sonst könnte unsere Gesellschaft fortbestehen?‚, schluchzte auch ein Teil der bürgerlichen Presse.

Und so schnell wird reaktionäre Ideologie normalisiert, die gerade on- und offline auf dem Vormarsch ist und eine Lebensgefahr für Menschen aller marginalisierten Geschlechter darstellt. Nicht verwunderlich. Gerade Antifeminismus ist häufig ein Einstieg in rechtes Ge-
dankengut. Und so schüren Akteur*innen wie die AfD viel zu erfolgreich und ungestört Angst vor geschlechtlicher Abweichung im Rahmen eines „sexuellen Nationalismus“ und verbinden „Geschlecht“ rhetorisch mit allen Arten von imaginären Unterwanderungen des „nationalen
Körpers“. Als letzte gemeinhin anerkannte Differenz wird Geschlecht in dieser Politik zu einem Einfallstor für die von ihnen gewünschte Re-Hierarchisierung der Gesellschaft.

Und ja, wie könnte unsere Gesellschaft fortbestehen, wenn das erfolgreich bekämpft würde? Sie wurzelt schließlich in diesem Sumpf. Wenn die massive gesellschaftliche Mehrheit von Nicht-Hetero-Cis Männern (Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nichtbinäre, trans
und agender Personen, queere Personen, sowie alle Kinder) in Erfahrungen alltäglicher patriarchaler Gewalt erstickt, die sich in Femiziden, queerfeindlicher Gewalt und international in dem Horror systematischer sexualisierter Gewalt als Waffe in Angriffskriegen
und Terroranschlägen zuspitzt – dann ist das aus Sicht von Kapital, Staat und Patriarchat kein bedauerlicher Unfall. Nicht einmal ein Schaden – sondern Voraussetzung für das Erblühen der herrschenden Klasse und fortgesetzter Akkumulation.

Feministischer Kampf hat in diesem Sumpf an vielen Stellen Raum zum atmen geschaffen, aber abschließend überwunden ist noch nichts. Auch hier in der Bundesrepublik ist noch immer manches in Gesetzgebung gegossen. So gilt hier beispielsweise das
Subsidiaritätsprinzip, demzufolge zunächst private oder verbandlich organisierte Sorgearbeiter*innen Sorgearbeit übernehmen, solange sie die Aufgaben bewältigen können. Staatliche Hilfe soll erst greifen, wenn diese Aufgaben nicht mehr im privaten Rahmen
bewältigt werden können. Das heißt, dass der Staat die Zuständigkeit für Sorgearbeit jederzeit von der öffentlichen in die private Sphäre verschieben kann, wenn er sich entsprechende Sparmaßnahmen auferlegt. Und besonders eine bestimmte Gruppe wird sich
unter dem noch immer herrschenden patriarchalen Geschlechterregime systematisch gezwungen sehen, im privaten Rahmen Sorgearbeit zu übernehmen: Frauen*.

Das ist kein Zufall, sondern logische Folge und Sichtbar-Werden. Im Kapitalismus, der herrschenden Wirtschafts- und Gesellschaftsform, die letztlich alles dem Zweck der
Gewinnmaximierung unterwirft, werden schließlich Arbeiter*innen, die ausgebeutet werden können benötigt, um diesen Gewinn überhaupt erst zu ermöglichen. Und
die Produktion dieser Arbeiter*innen und ihrer Arbeitskraft ist eine insbesondere Frauen* aufgebürdete Verpflichtung. Das äußert sich auch darin, welche Arten von Arbeit als „Frauenarbeit“ verstanden werden – und welche Arbeiten nicht als Arbeit anerkannt werden.
So wird in der Regel Haus- und Sorgearbeit nicht entlohnt – die ideologisch beschworene ideale Frau macht das Ganze schließlich aus Liebe zu ihrer Familie!

Und wo diese Tätigkeiten doch entlohnt werden, sind sie unterbezahlt und werden oft von Menschen ausgeführt, die über Geschlecht und Rassifizierung unterdrück- und ausbeutbar sind. Das alles lässt sich nicht mit Forderungen nach besserer Teilhabe und Chancengleichheit am Markt lösen. Denn Lohnarbeit und die damit verbundene Ausbeutung sind kein Empowerment. Immer mehr prekäre Jobs für Frauen* bringen keine Freiheit, auch keine finanzielle. Und ein liberaler Feminismus, der FLINTA* auf Chefetagen feiert und sich nicht für Belange benachteiligter Frauen* einsetzt, ist keiner.
Wir wollen nicht Barbie sondern Revolution!

Wir müssen einen Schritt weitergehen, und zwar dahin, wo es dieser sexistischen Gesellschaft wehtut – in die Arbeitsverweigerung, in den Streik. Ein erfolgreicher Frauen- oder Feminstischer Streik bedeutet für das Kapital, für dieses System sexistischer Ausbeutung, einen Angriff auf zwei Ebenen – Produktion und Reproduktion werden verweigert. Und das stellt die Fähigkeit dieser Gesellschaft in Frage, ihre patriarchale Ordnung zu erhalten. Wir rufen deshalb alle FLINTA* auf, mit uns in den Streik zu treten – ob wir nicht zur Arbeit gehen, uns zu einer kämpferischen Mittagspause zusammenfinden, oder bei einem Bummelstreik extra langsam arbeiten, den Abwasch und die Wäsche liegen lassen oder Straßen blockieren – Möglichkeiten, sich am Streik zu beteiligen gibt es viele! Hier wird die Möglichkeit aufgezeigt, endlich Produktion genauso wie Reproduktion bedürfnis- statt
profitorientiert zu organisieren und Geschlecht damit aus patriarchaler Ordnung zu lösen.
Frauen, FLINTA* voran für ein besseres Leben für alle – zusammen streiken gegen Patriarchat und Kapital!